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(04.11.05 09:05)
Gute Konzepte sind schlank. Sie sind einfach und kommen mit wenigen griffigen Ideen aus; sie benötigen keine Ausnahmen. Gute Konzepte basieren daher auf angemessenen Abstraktionen. Angemessene Abstraktionen destillieren Essenz; das Konkrete kann daraus stets wieder gewonnen werden. Ist ein Konzept also gut, dann lassen sich mit ihm alle für eine gegebene Problemstellung relevanten konkreten Fälle abbilden. Um jedoch den konkreten Fall in einem Konzept repräsentiert zu sehen, muss das Konkrete und das im Konzept beschriebene Abstrakte gleichermassen verstanden sein. Fehlt dieses Verständnis, dann besteht die Gefahr, dass fortwährend neue Konzepte und Ausnahmen entstehen und dabei das ursprüngliche Konzept mehr und mehr ausgehöhlt wird, bis es letztlich selber zur Ausnahme, zum Spezialfall unter vielen geworden ist.
Das Erarbeiten guter Konzepte im hier beschriebenen Sinn ist schwierig und verlangt disziplinierte Kreativität, das Bestreben nach Einfachheit und die Fähigkeit zwischen essentieller und ungewollter Komplexität unterscheiden zu können: die essentielle Komplexität ergibt sich aus der eigentlichen Problemstellung und kann nicht reduziert werden, ausser man vereinfacht das Problem selber und schränkt dadurch den Lösungsraum ein. Ungewollte Komplexität entsteht durch unangemessene Lösungen, die eine Sache unnötig schwieriger machen. Diese Form der Komplexität kann und sollte stets vermieden werden. Das Finden angemessener Abstraktionen, welche die essentielle Komplexität geeignet beschreiben, hat stets mit der Suche nach Einfachheit zu tun.
Nun ist es leider ein weit verbreiteter und gefährlicher Irrtum zu glauben, einem einfachen und schlanken Konzept mangle es an Substanz – das Gegenteil ist wahr! Wer Qualität mit Quantität verwechselt, hat schlechte Karten, wenn es es darum geht der ungewollten Komplexität wirksam entgegen zu treten. Es ist verständlich, dass Aussenstehende, die an der Entstehung eines Konzeptes nicht beteiligt gewesen sind, nicht alle Nuancen und Details erfassen. Und je schlanker die Beschreibung zu einem Konzept daher kommt, desto grösser ist diese Gefahr. Andererseits scheint es auch nicht sinnvoll, jeden konkreten Fall zu dokumentieren, den das Konzept abzubilden vermag. Was also ist zu tun?
Werden Konzepte im Team erarbeitet, dann entstehen sehr enge Review- und Feedbackschleifen. Dies hat den Vorteil, dass Probleme rasch erkannt und geklärt werden können. Zudem entwickelt und gedeiht im Team ein gemeinsames Verständnis für die Konzepte; es kommt zu einer auf Verstehen beruhenden Verinnerlichung, so dass die Konzepte von allen mitgetragen und auch weiter entwickelt werden können. Teams, die so zusammen arbeiten entwickeln ein transaktives Gedächtnis als gemeinsame Erinnerung, bei der jedes Teammitglied meist stillschweigend die Aufgabe übernimmt, sich stellvertretend für die anderen bestimmte Dinge zu merken. Das ist bei Teams, die über einen langen Zeitraum zusammen arbeiten können, ein enormer Vorteil, bringt aber in einem instabilen organisatorischen Umfeld Probleme, wie ich sie im Beitrag Hochleistungsteams ausgeführt habe.
Wie sieht es aber aus, wenn neue Teammitglieder dazu kommen? Wäre es da nicht hilfreich, wenn alle Konzepte detailliert beschrieben und didaktisch aufbereitet wären, damit ein neues Mitglied sich rasch in die Thematik einlesen kann? Selbstverständlich braucht es ein Mindestmass an Dokumentation, schliesslich müssen wir in der Lage sein, unsere Konzepte im Grundsatz schlüssig und verständlich darzulegen. Doch scheint es mir müssig, Papierberge zu produzieren, indem versucht wird, jedes Detail, jede Möglichkeit und Variante für einen Aussenstehenden unmittelbar nachvollziehbar zu machen. Vielmehr müssen wir dafür sorgen, dass er rasch Teil des Teams werden kann und so vom transaktiven Gedächtnis profitieren und bald selber Teil dieses Gedächtnisses werden kann.
Ich habe in meiner langjährigen Karriere noch keine Dokumentation angetroffen, die ausreichend aussagekräftig, lückenlos, geschweige denn aktuell genug gewesen wäre, um als verlässliche Quelle des Lernens und Verstehens dienen zu können. Im besten Fall sind es jeweils die allgemeinen Ausführungen, die einem in die Lage versetzen, gezielte Fragen zu stellen. Werden Details ausgeführt, so sind diese meist irrelevant, in der Beschreibungstiefe unausgewogen oder überholt. Wenn niemand da ist, der einem beim Verstehen helfen kann, dann nützt die beste Dokumentation nichts. Wissen ist in den Köpfen, in Dokumenten finden wir bestenfalls brauchbare Informationen. Ist man sich dieser Tatsache bewusst, dann wird man sich von der Dokumentenpflege ab und der Menschenpflege zuwenden und dafür sorgen, dass Teams bestmögliche Bedingungen für ihre Zusammenarbeit geboten werden.
-nemo :-)
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