(07.01.04 16:52)

Lieber Bill

Ich darf Sie doch hoffentlich so nennen?

Ich schreibe Ihnen heute, um Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass wir in unserem Unternehmen ab heute MS-Word et al. nicht mehr einsetzen werden. Wir können uns das einfach nicht mehr leisten, da Sie wohl kaum gewillt sein dürften, uns all die Arbeitsstunden, die wir aufgrund von Fehlern in Ihren Office-Produkten in den vergangenen Jahren verloren haben, finanziell abzugelten.

Sie müssen wissen, dass ich der Office-Familie, nicht zuletzt auch aufgrund einer gewissen Trägheit, über viele Jahre die Treue gehalten habe. Aber auch ich mag nun nicht länger über die Schwächen in den Programmen dieser Produktefamilie, insbesondere Word, hinwegsehen. Ich rede dabei nicht von Leistungsmerkmalen, die z.B. in Word fehlen. Nein, dieses Programm hat wahrlich der Features genug. Das Problem ist, dass viele dieser Features einfach nicht richtig funktionieren. Daran habe ich mich im Verlaufe der Jahre gewöhnt. Ich habe auch gelernt, die häufigsten Klippen zu umschiffen, so dass ich die meisten Dokumente annähernd in der von mir gewünschten Form hinbekommen habe. Doch, was ich gestern erleben musste, das hat das Fass endgültig zum überlaufen gebracht:

Ich bearbeite gerade ein Word-Dokument mit ca. 45 Seiten, das eine Reihe von eingebetteten Grafiken enthält. Bisher ist fast alles gut gegangen, ausser vielleicht, dass der Versuch, eine Bildunterschrift einzufügen, Word regelmässig abstürzen lässt. Ich muss übrigens annehmen, dass das Vertrauen Ihrer Entwickler in die eigene Arbeit nicht allzu gross ist - denn Word bringt ein Auto-Restart Feature mit: nach einem Absturz startet das Programm erneut und versucht, das Dokument wieder herzustellenn. Ich weiss nicht, ob Sie und Ihre Mitarbeiter Stolz auf diese Lösung sind, mich als Anwender haut sie jedenfalls nicht aus den Socken. Aber egal, ich habe habe mich mit der Zeit daran gewöhnt, dass neue Leistungsmerkmale wichtiger zu sein scheinen als existierende Fehler zu beheben. Also zurück zu den gestrigen Ereignissen: Ich füge eine weitere Grafik in das Dokument ein und habe damit anscheinend das Tor zur Word-Hölle geöffnet. Unterhalb der neu eingefügten Grafik erscheint plötzlich eine überflüssige Leerzeile:

Das Unglück bahnt sich an...


Diese Leerzeile will ich nun löschen. Gesagt getan, und weg ist sie... und damit leider auch die vernünftige Formatierung von Text und Grafik:


Plötzlich kommen gewisse Textpassagen über Grafiken zu liegen, und der Zeilenabstand des folgenden Textabschnittes hat sich vergrössert. Alle Versuche, Text und Grafik korrekt zu formatieren scheitern kläglich, und auch das Zurücksetzen des Zeilenabstandes gelingt nicht. Auch der durch meine Ausrufe des Unbehangens aufgeschreckte und darauf herbeigeeilte Kollege kann das wildge-word-ene Programm nicht bändigen. Schliesslich belohnt Word unsere gemeinsamen Bemühungen mit einem Absturz und repariert in der Folge das Dokument gleich ganz kaputt: Bis auf wenige Ausnahmen werden Text und Grafik wild durcheinander gemixt und sämtliche Grafiken haben zudem ihre Formatierung bezüglich Rahmen und Ausrichtung verloren. Zur Krönung hat es Word auch noch fertig gebracht, die Formatvorlagen des Dokuments zu zerschiessen.

Ich vermute, es hat viele Personenstunden gekostet, dieses Leistungsmerkmal mit solch zerstörerischer Kraft umzusetzen.

Heute morgen habe ich mir dann OpenOffice besorgt, installiert und das kaputte Dokument importiert. Das hat tadellos geklappt. Dann habe ich die Formatierungen der Grafiken neu gesetzt und präzise im Text ausgerichtet. Das ging reibungslos und sehr intuitiv, ohne - wie das in Word immer wieder passiert - dass die Grafik an Orten zu liegen kommt, die ich nicht will. Auch das Zuweisen von Formatvorlagen zu Textabschnitten und Grafiken gelingt mir der Giesskanne ohne Weiteres. So schaffe ich es mit vertretbarem Aufwand, mein Dokument zu reparieren und mit einem halben Arbeitstag Verspätung endlich meine eigentliche Arbeit fortzusetzen, mit OpenOffice und nicht mehr mit MS-Word.

Tja, lieber Bill, es scheint, dass OpenSource Software eine grössere Gefahr für Ihr Unternehmen ist als Sie vielleicht bisher glaubten. Die Damen und Herren der OpenSource Community schreiben nämlich stabile und zuverlässige Software. Da ändern auch Ihre Anti-OpenSource Kampagnen nichts.

Übrigens kann ich in OpenOffice direkt PDF-Dateien erzeugen - ein Feature, das ich in Office vergeblich suche.

-nemo :-)

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