(16.02.04 18:45)

Eigentlich hiess er Bertrand, aber alle nannten ihn "den schlauen Bert". Die, die Bertrand so nannten, hielten ihn für alles andere als schlau! Das hatte Bert sich selber zuzuschreiben, denn es gab nichts, zu dem er nicht etwas zu sagen wusste auch wenn er nichts zu sagen hatte. Das alleine wäre ja noch knapp zu ertragen gewesen, aber Bert war leider auch ein wenig talentierter Entwickler, höflich formuliert. Der schlaue Bert erinnerte mich an meine Schulzeit, genauer gesagt, an meine Turnstunden. Wir hatten damals einen Jungen in der Klasse, den wollte keiner in der Mannschaft haben, weil er einfach kein Teamplayer war. Das Wort Teamplayer kannten wird damals zwar noch nicht, wir waren noch klein, und es gab noch eine Sprache, die nicht von Anglizismen durchsetzt war. Doch wir verstanden sehr wohl, was es bedeutet, zusammen etwas zu erreichen, wir verstanden auch, dass Anstand und Fairness wichtige Voraussetzungen für gemeinsamen Erfolg darstellen. Nun, vielleicht spürten wir das mehr, als dass wir es wirklich verstanden, aber eines wussten alle: Mit Mik im Team konnte man nicht gewinnen - ob Sitzball, Fusball oder Stafettenlauf, wer Mik in der Mannschaft hatte, der hatte schon so gut wie verloren. Dabei spielte es bald keine Rolle mehr, ob wir uns das nur einredeten oder ob es tatsächlich so war; Mik wollte keiner haben.

Mit dem schlauen Bert war es nicht anders: Ob Pair-Programming, Lesezirkel oder Arbeitsgruppen, alle waren heilfroh, wenn er oder sie Bert nicht aufs Auge gedrückt bekam. Was machte denn Bert so unausstehlich, dass alle ihn mieden wie die Beulenpest? Wie eingangs erwähnt, war er ein ewiger Besserwisser. Das alleine wäre noch knapp auszuhalten gewesen, aber er war noch dazu unhöfflich und besass ungefähr soviel Anstand wie ein Kater beim Markieren seines Reviers. Zu seiner Arbeit lässt sich folgendes sagen: Seine Entwürfe waren chaotisch, sein Programmierstil exzentrisch, seine Tests, so er denn überhaupt welche schrieb, lausig und sein Respekt gegenüber seinen Teamkollegen war stark verbesserungswürdig. Kurz: Bert war der fleischgewordene Albtraum eines Entwicklers.

Berts Manager hatte sich stets standhaft geweigert, Bert zu feuern. Nicht wenige vermuteten damals, dass er sich schlicht vor Bert fürchtete. Aber dann hat sich Bert eines Tages sein eigenes Grab geschaufelt: Es hatte alles damit angefangen, dass er zum wiederholten Mal Programmcode eingecheckt hatte, ohne vorher alle Unit-Tests, die die Integrität des Gesamtsystems überprüften, auszuführen. Und prompt hatte eine seiner Änderungen zu Problemen in einem anderen Modul geführt. Hätte Bert sich an die Spielregeln gehalten, dann hätte er dieses Problem vor dem Check-In der Änderungen entdeckt. Aber so war es wieder einaml ein anderes Teammitglied gewesen, nämlich Petra, der das System um die Ohren flog. Rasend vor Wut stürmte sie in Berts Büro und las ihm die Leviten, wie noch niemand vor ihr. Bert, dessen Postur alles andere als bescheiden ist, schrumpfte förmlich unter Petras Worten. Sie gab Bert unmissverständlich zu verstehen, dass sie von ihm erwartete, dass er sich um das Problem kümmert. "Morgen, wenn ich ins Büro komme, dann ist die Sache vom Tisch", zischte sie und war zur Tür hinaus, bevor auch nur jemand etwas sagen konnte. Auch Bert war still, vielleicht das erste Mal überhaupt, schien er um eine Antwort verlegen. Schliesslich schien Bert seine Fassung wieder zu gewinnen, denn er sagte in seiner gewohnt hochnäsigen Art: "Typisch, nur rummaulen und selber nichts auf die Reihe kriegen. Na, dann werd ich wohl heute wieder ein paar Überstunden schieben!", und damit schien das Thema erledigt. Wer hätte geahnt, dass Bert keine 24 Stunden später seinen Job los sein würde.

Bert schob regelmässig Überstunden, alle wussten das. Meistens verbrachte er seine Zeit jeweils damit, Programme zu debuggen, während er nervös im Takt zu irgendwelchen fast abartig atonalen Gitarren und Schlagzeugklängen mit den Fingern klopfte, nur unterbrochen durch den Griff zur Cola-Dose oder um sich eine handvoll Erdnüsse, Salzstangen oder sonstige Snacks in den Mund zu werfen; von den Überresten aus Berts Tastatur hätte man sich wohl locker eine Woche ernähren können. Und so kam es also, dass Bert wieder einmal Überstunden einlegte und noch in seinem Büro hockte, als alle anderen aus seiner Abteilung längst ihren Feierabend genossen. Es muss dann ziemlich spät geworden sein. Auf jeden Fall schien Bert irgendwann früh morgens beschlossen zu haben, dass es sich nicht mehr lohne, nach Hause zu fahren. Er hat sich dann unter den Schreibtisch verkrochen, um dort zu schlafen. Das hatte er schon öfter getan, und seine Kollegen hatten sich schon wiederholt gefragt, wie Bert es schaffte, seinen massigen Körper in eine einigermassen angenehme Schlafposition zu bringen. Wie dem auch sei, das Büro von Bert muss ziemlich übel ausgesehen haben, wie so oft, wenn er wieder einmal eine Nacht vor dem Computer verbracht hatte. Normalerweise wäre das auch kein Problem gewesen, und der Reinigungsdienst hätte die Überreste von Berts Debugging-Happening am folgenden Abend mit professioneller Verschwiegenheit beseitigt. Doch diesmal kam es anders.

Wie der Zufall es wollte, war für diesen Tag der Besuch eines Kunden vorgesehen, der sich vor Ort ein Bild über die Softwareentwicklungsabteilung machen wollte. Der Firmenleiter persönlich führte die Kundendelegation durch die Firma. Und so kam es wie es kommen musste. Aus all den Türen suchte sich der Firmenboss ausgerechnet die Tür zu Berts Büro aus. Es ist nicht zweifelsfrei überliefert, was sich genau zugetragen hat. Nur soviel ist unbestritten: Der Chef fand Bert schnarchend unter seinem Schreibtisch, der übersät war mit leeren Dosen und Verpackungsmaterial von ziemlich ungesunden Knabberzeugs. Die Unordnung alleine war wahrscheinlich schon übel genug, aber der Anblick eines ungewaschenen und schlaftrunkenen Berts muss dann doch zuviel gewesen sein; dass Bert zudem nur mit seiner Unterhose bekleidet gewesen sein soll, ist wohl eher eine dramaturgische Übertreibung. Auf jeden Fall hat der Firmenboss Bert noch am gleichen Tag vor die Tür gesetzt. Seitdem hat niemand mehr Bert gesehen. Und wirklich bedauert hat seinen Rausschmiss auch niemand.

Nun stellt sich die Frage, was wir aus dieser Geschichte lernen können, abgesehen von der Tatsache, dass es keine gute Idee ist, unter seinem Schreibtisch zu schlafen? Nun, vielleicht dies: Software zu entwickeln ist eine Teamanstrengung. Gute Softwareentwickler halten sich an die Spielregeln und verfügen - neben Fachkompetenz - über ein paar gute Angewohnheiten wie Disziplin, Sorgfalt und Respekt. Sich wie Bert allen Regeln von Anstand und Disziplin zu widersetzen, ist nicht nur unfair sondern kann einen eben auch den Job kosten.

Ob Bert das damals endlich begriffen hat?

-nemo :-)

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Die Puffe Diamantenliebe

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